Trockenleitung

Inselgalerie, Berlin, 2020

 

Ortsbezogene und raumgreifende Installation, seit 2020

Installation aus Trockenständern, Alltagsgegenständen und Werkzeugen, Spielzeug und Inventar des Ausstellungsraumes an Hängeschnur
Maße variabel

 

1 Trockenleitung_20, transformer,  Inselgalerie, Berlin, 2020
2 Trockenleitung_pc, Atelier Karlshorst, Berlin, 2020
3-5 Trockenleitung_pc, oqbo, Berlin, 2020
6 Trockenleitung, c/o KUNSTPUNKT BERLIN, 2019

 

Wäscheständer versus Flaschentrockner
Auch das dreidimensionale Werk von Susanne Britz scheint eine Sabotage unseres Zeichensystems und Verständnisses zu sein, wie man Dinge gewöhnlich nutzt. Ihre Verwendung von Wäschetrocknern verweist auf den Flaschentrockner von Marcel Duchamp (1887-1968). Dieses Werk ist das erste Readymade, bei dem ein industriell in Massenproduktion hergestellter Gegenstand zur Kunst erklärt wird. Britz jedoch präsentiert den Gegenstand nicht solitär, sondern führt ein komplexes Arrangement vor, bei dem der Wäscheständer umgedreht aufgehängt wird und mit anderen Gegenständen kombiniert wird. Indem die Künstlerin Gegenstände an einem Seil austariert, schafft sie labile Schwebezustände. Herausgelöst aus ihrem ursprünglichen Gebrauchszweck, werden diese durch die Anordnung, Kombination und Art der Befestigung mehrdeutig aufgeladen.
[Beate Klompmaker, in: Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm; Berlin, 2019]


 

Susanne Britz: Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm

 

ÜBER DAS BUCH

Der Titel dieser Broschüre, der aus einem bekannten Bewegungsspiel stammt, ist zugleich auch Titel des Textes von Beate Klompmaker, die seit über zehn Jahren die künstlerische Arbeit von Susanne Britz verfolgt.

Im Zentrum der Publikation stehen Britz großformatige Drucke auf Backlit Folie, die 2018 mit dem Losito Kunstpreis ausgezeichnet worden sind. Der Text von Beate Kompmaker, die über das Werk von Thomas Huber promoviert hat, stellt Britz Werkreihe in den Kontext der surrealen skulpturalen Kunst des letzen Jahrhunderts und zeigt auch Beziehungen auf zu anderen Werken von Britz. Die Publikation erscheint bei edition timpani und kann gegen eine Schutzgebühr von 7 Euro zuzüglich Portokosten von 3 Euro bestellt werden über: info@susannebritz.de

24 Seiten in gefalztem farbigem Umschlag, 14 Farbabbildungen
22 x 15,2 cm, Auflage 300
Text von Beate Klompmaker
edition timpani
Berlin, 2019
ISBN: 978-3-937155-21-0

 


 

 

Susanne Britz: punktlandung

Über das Buch
Der Katalog ist eine Überblicksdarstellung der wesentlichen zeichnerischen und installativen Arbeiten von Susanne Britz aus den letzten neun Jahren. Zwei Texte, verfasst von Dr. Florian Schaper und Dr. Uwe Schramm, führen in die künstlerische Arbeit ein. Der Katalog erscheint zweisprachig auf Deutsch und Englisch.

Katalog „punktlandung – Susanne Britz“ 

Dr. Uwe Schramm: Zwischen Dingen und Medien

 

Das Werk der letztjährigen Gewinnerin des Kunstpreises „Junger Westen”, Susanne Britz, bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Fotografie, Zeichnung, Installation und skulpturalen Elementen. Susanne Britz schafft wuchernde Assoziationsgeflechte aus Zeichnungen, Postkarten, übermalten Prints, Alltagsgegenständen wie Plastikwasserpistolen, Lockenwicklern und farbigen Wäscheleinen, die sich rankend von der Wand in den Raum hineinbewegen.
Ausgangspunkt ihrer Arbeit ist häufig die Zeichnung, mit der eine Idee, eine Form zunächst an Gestalt gewinnt, um in der Folge über weitere Schritte durchdekliniert und farbig variantenreich durchgespielt zu werden. Dabei tauchen zuweilen skulpturale Formen auf, die sich zu verselbstständigen scheinen und sich als dreidimensionale Metamorphosen im Raum wieder finden. Die Wirklichkeit wird zur frei verfügbaren Gestaltungsmasse, die aufgenommen und mit individuellen Deutungen versehen wird.
Schrift erscheint in manchen Fotos, Kommentare wie Tagebuchskizzen, daneben farbige Linien, die ungewohnte Beziehungen zwischen den Dingen herstellen und neu sichtbar machen. Kryptische Nummernsysteme scheinen auf geheime Formeln zu verweisen, mit denen sich die Wirklichkeit kategorisieren lässt.
Das einzelne Werk wirkt dabei wie eine Plattform, von der aus sich ein Assoziationssprung hin zu einem weiteren Knäuel von Bedeutungen und Möglichkeiten der Wahrnehmung wagen lässt. Komplexität und Vielfalt als erkannte Grundlage sämtlicher Lebenszusammenhänge werden durch die Verschleifung und Verbindung der verschiedenen Gestaltungs- und Bedeutungsebenen zur visuell fassbaren Gewissheit.
„Zeichnen”, sagt Susanne Britz, „bedeutet für mich zu formulieren und hierbei den realen mit dem virtuellen, den Innen- mit dem Außenraum zu verknüpfen”. Dies gelingt im Übrigen auch dem Betrachter, der sich auf das dichtmaschige Beziehungsgeflecht einlässt und weniger nach einem verbindlich formulierten Sinn forscht, sondern den Raum zwischen den Dingen zu erkunden sucht.

[Dr. Uwe Schramm, Rede zur Ausstellungseröffnung von Susanne Britz im Kunsthaus Essen, 2010]


Text aus dem Katalog „punktlandung – Susanne Britz“, Blurb, 2015

Nullversuch

Skizze, Nullversuch eingepackt

 

Performative Installation,  seit 2011

Installation aus digitalen Pigmentprints, Alltagsgegenständen und Werkzeugen, farbigen geometrischen Schaltplanelementen sowie zwei Künstlerbüchern, Maße variabel

 

1-6  Nullversuch #3, lirum larum laborum, Susanne Britz und malatsion,
Kunstverein Ahlen, 2015
7-9 Nullversuch #2l’aboratoire des possibles, Susanne Britz und malatsion,
Kunstverein Bellevue-Saal, Wiesbaden, 2013

 

Zwei Experimentiertagebücher, in denen das mehrwöchige Experiment dokumentiert wurde, bilden den Ausgangspunkt der auf den konkreten Ausstellungsraum bezogenen Installation. Der Titel der Installation Nullversuch – im eigentlichen Sinne ein Referenzversuch zur Eichung einer Messapparatur – verweist mehrdeutig auf das Vorbild naturwissenschaftlichen Experimentierens. Der Raum, in dem das Experiment stattfindet, verändert dieses. Das Fotografieren des Versuchs wird Teil des Versuchs und führt zu dessen Verselbständigung. Transportbehältnisse und Werkzeuge vom Aufbau werden integraler Bestandteil der Installation und verweisen auf die Prozesshaftigkeit der Arbeit. Übergreifende visuelle Analogien wie z.B. das Aufgreifen von Motiven wie optischen Gitter verbinden unterschiedliche Handlungsstränge und Orte. Zugleich verweisen diese Motive auf die Ausschnitthaftigkeit des Bildes  und die Perspektivik menschlicher Wahrnehmung.

 

Nullversuch, Laborbuch, Teil 1, 2011
Künstlerbuch, 15 x 21 cm, 34 Seiten


 

Meta´s Labor

Meta´s Labor, Detail, 2017

Performative Installation,  seit 2010

Installation aus überzeichneten Fotografien auf unterschiedlichen Materialien, einem Tapeziertisch, einer Projektionsleinwand,  einem Hüpfball und einer Lampe als auch Gebrauchsmaterialien aus dem Inventar der Künstlerin sowie Gegenstände des Ausstellungsortes und zwei Laborbüchern, Maße variabel

 

1-3  Meta´s Labor #3, spar insel galerie kasse, Inselgalerie, Berlin, 2017
4-7 Meta´s Labor #2, Lockere Wolken, Galerie Parterre, Berlin, 2016
8-9 Meta´s Labor #1, island between us, Galerie im Deutschordensschloss, Münnerstadt, 2010

 

Der Arbeitsplatz ist Ausgangspunkt der prozesshaften und auch skulptural anmutenden Arbeit Meta´s Labor. Die Kombination von Arbeitstisch und Projektionswand verweist auf die Entstehungsbedingungen der Arbeit von Susanne Britz, die sich zwischen den Medien Zeichnung, Fotografie und Installation konstituiert. Der Tisch dient zum Zeichnen, die Projektionswand für fotografische Installationen und ist zugleich skulpturales Gesamtgefüge der Arbeit. Neben von der Künstlerin mitgebrachten Materialien, wurden vor allem ortsbezogene Gegenstände aus den Ausstellungsräumen verwendet. Durch die Materialien und deren Anordnung erhält der Arbeitsplatz den Charakter einer Versuchsanordnung, deren Sinn und innere Verbindungen zum Forschungsgegenstand des Betrachters werden.

 

Meta´s Labor, Laborbuch 2, 2014 – 2019
Rechenheft mit collagierten digitalen Ausdrucken
im Filzumschlag
96 Seiten, 30 x 20 cm

Dr. Florian Schaper: FORMELZEICHNUNG

In der Arbeit von Susanne Britz fließen verschiedene sich ergänzende Strategien des Analogen und Digitalen zusammen und verhelfen der Künstlerin zu einer eigenen Bildphysik, die ungewöhnliche, zeichnerische aber auch malerische Bilder und Installationen hervorbringt.
Susanne Britz legt in ihren digitalen Zeichnungen zeichnerische Ebenen über ein digitales Foto. Dadurch entstehen in einer Art digitalem Palimpsest-Verfahren neue Bedeutungsebenen.
Die Zeichnungen sind nicht mit Bleistift oder Feder sondern mit einer Computermaus angefertigt, ihr Träger ist kein Papier sondern eine digitale Fotografie.
Mittels der Zeichnung analysiert Britz das digitale Foto, welches häufig eine Art Versuchsanordnung ins Bild setzt und erarbeitet daran deren physikalischen Gesetze.
Als Versuchsanordnungen dienen von der Künstlerin inszenierte Stillleben genauso wie im Alltag beobachtete Szenarien, die sie mit der Kamera zum Bild verdichtet und fixiert. Diese Aufnahmen sind von einer alltäglichen Künstlichkeit geprägt, die sich sowohl im Arrangement als auch den verwendeten Gegenständen selber, die unsere technisierte Freizeit- und Trashkultur widerspiegeln, zeigt.
Die  gezeichneten Linien analysieren, kategorisieren, stellen Fragen und paraphrasieren die fotografisch fixierte Versuchsanordnung.
Der Strich wirkt krakelig, unruhig – wie mit ungeübter Kinderhand gezeichnet. Dies ist darauf zurückzuführen, dass mit einer Computermaus und nicht mit einem  Grafiktablett gezeichnet wird.
Die Maus lässt keine exakten, sauberen  Linien zu. Dieses vordergründige Manko ist jedoch Teil der künstlerischen Strategie. Der Verzicht auf  Perfektion ist Teil der Paraphrase und betont die Wirkungskraft einfacher, elementarer Bildprozesse, die als Akt der Freiheit im Umgang mit technischen Prozessen zu sehen sind.
Die Linien ergeben Parallelen, Kreise und Pfeile aber auch komplexere dreidimensionale Gebilde. Man bekommt den Eindruck Britz stelle sich das Bild als einen Raum vor, indem sie Fließrichtungen ausmacht und diese für den Betrachter kennzeichnet.
Das entspricht auch der Schilderung der Künstlerin, die die Form der Zeichnung am Computer eher mit einer Form des blind Zeichnens vergleicht, bei der das Auge durch den digital repräsentierten Raum gleitet, während die Maus diese Bewegung gleichsam als Reflex, fast seismographisch, mitvollzieht.
Britz´ Überzeichnungen schaffen neue Bildräume, in denen sie die physikalischen Gesetze umzuschreiben scheint.
Hinweise werden gegeben, bleiben jedoch kryptisch und somit unklar. Hierdurch eröffnet sie einen Freiraum für Interpretation. Somit sind die Arbeiten von Britz ihrer Struktur nach als offene Kunstwerke angelegt.
Durch die Farbigkeit der Fotografie und die häufig farbigen Überzeichnungen beinhalten diese Zeichnungen auch sehr malerische Momente. Farben, die auf dem Foto auszumachen sind, werden von der Maus aufgenommen und weiter geführt. Hierbei wird deutlich, dass die Fotografie nun als Zeichnung weiter gedacht, fortgeführt wird.
Bisweilen erinnern die Linien in ihrer Starkfarbigkeit auch an räumliche Markierungen. Der Gedanke des Kategorisierens und Markierens wird auch erneut durch die Wahl der Bildelemente wie Nummern und Buchstaben aufgegriffen.
Naturwissenschaftliche Formelsprache wird in einer fragmentarischen Weise zitiert, das zugrunde gelegte Szenario wird dadurch als Versuchsanordnung unbekannten Ausmaßes konnotiert.
Dinge hängen, stehen, liegen oder überspannen den Bildraum. Die Zeichnung tritt als eigenartige digital eingeschriebene Gebrauchsanweisung hervor. Diese setzt sich auch in den Installationen von Susanne Britz fort.
Sie entspringen der Zeichnung, schleichen sich in den Raum und geben als Anordnung im Raum das Laborieren wider, welches in den Bildern nicht genug Platz zu finden schien. Die formelhafte Zeichnung leitet den Blick, nimmt mit, verstellt dann aber den Weg, weil keine Formel das Bild erklären will oder kann. An dieser Leerstelle eröffnet sich bei Britz der Raum für eine philosophische Sicht auf die ins Bild gesetzten Dinge.

[Dr. Florian Schaper, 2012 erschien der Band: Bildkompetenz – Kunstvermittlung im Spannungsfeld analoger und digitaler Bilder]


Text aus dem Katalog „punktlandung – Susanne Britz“, Blurb, 2015

 Bildkompetenz – Kunstvermittlung im Spannungsfeld analoger und digitaler Bilder, Dr. Florian Schaper