Dr. Florian Schaper: FORMELZEICHNUNG

 

In der Arbeit von Susanne Britz fließen verschiedene sich ergänzende Strategien des Analogen und Digitalen zusammen und verhelfen der Künstlerin zu einer eigenen Bildphysik, die ungewöhnliche, zeichnerische aber auch malerische Bilder und Installationen hervorbringt.
Susanne Britz legt in ihren digitalen Zeichnungen zeichnerische Ebenen über ein digitales Foto. Dadurch entstehen in einer Art digitalem Palimpsest-Verfahren neue Bedeutungsebenen.
Die Zeichnungen sind nicht mit Bleistift oder Feder sondern mit einer Computermaus angefertigt, ihr Träger ist kein Papier sondern eine digitale Fotografie.
Mittels der Zeichnung analysiert Britz das digitale Foto, welches häufig eine Art Versuchsanordnung ins Bild setzt und erarbeitet daran deren physikalischen Gesetze.
Als Versuchsanordnungen dienen von der Künstlerin inszenierte Stillleben genauso wie im Alltag beobachtete Szenarien, die sie mit der Kamera zum Bild verdichtet und fixiert. Diese Aufnahmen sind von einer alltäglichen Künstlichkeit geprägt, die sich sowohl im Arrangement als auch den verwendeten Gegenständen selber, die unsere technisierte Freizeit- und Trashkultur widerspiegeln, zeigt.
Die  gezeichneten Linien analysieren, kategorisieren, stellen Fragen und paraphrasieren die fotografisch fixierte Versuchsanordnung.
Der Strich wirkt krakelig, unruhig – wie mit ungeübter Kinderhand gezeichnet. Dies ist darauf zurückzuführen, dass mit einer Computermaus und nicht mit einem  Grafiktablett gezeichnet wird.
Die Maus lässt keine exakten, sauberen  Linien zu. Dieses vordergründige Manko ist jedoch Teil der künstlerischen Strategie. Der Verzicht auf  Perfektion ist Teil der Paraphrase und betont die Wirkungskraft einfacher, elementarer Bildprozesse, die als Akt der Freiheit im Umgang mit technischen Prozessen zu sehen sind.
Die Linien ergeben Parallelen, Kreise und Pfeile aber auch komplexere dreidimensionale Gebilde. Man bekommt den Eindruck Britz stelle sich das Bild als einen Raum vor, indem sie Fließrichtungen ausmacht und diese für den Betrachter kennzeichnet.
Das entspricht auch der Schilderung der Künstlerin, die die Form der Zeichnung am Computer eher mit einer Form des blind Zeichnens vergleicht, bei der das Auge durch den digital repräsentierten Raum gleitet, während die Maus diese Bewegung gleichsam als Reflex, fast seismographisch, mitvollzieht.
Britz´ Überzeichnungen schaffen neue Bildräume, in denen sie die physikalischen Gesetze umzuschreiben scheint.
Hinweise werden gegeben, bleiben jedoch kryptisch und somit unklar. Hierdurch eröffnet sie einen Freiraum für Interpretation. Somit sind die Arbeiten von Britz ihrer Struktur nach als offene Kunstwerke angelegt.
Durch die Farbigkeit der Fotografie und die häufig farbigen Überzeichnungen beinhalten diese Zeichnungen auch sehr malerische Momente. Farben, die auf dem Foto auszumachen sind, werden von der Maus aufgenommen und weiter geführt. Hierbei wird deutlich, dass die Fotografie nun als Zeichnung weiter gedacht, fortgeführt wird.
Bisweilen erinnern die Linien in ihrer Starkfarbigkeit auch an räumliche Markierungen. Der Gedanke des Kategorisierens und Markierens wird auch erneut durch die Wahl der Bildelemente wie Nummern und Buchstaben aufgegriffen.
Naturwissenschaftliche Formelsprache wird in einer fragmentarischen Weise zitiert, das zugrunde gelegte Szenario wird dadurch als Versuchsanordnung unbekannten Ausmaßes konnotiert.
Dinge hängen, stehen, liegen oder überspannen den Bildraum. Die Zeichnung tritt als eigenartige digital eingeschriebene Gebrauchsanweisung hervor. Diese setzt sich auch in den Installationen von Susanne Britz fort.
Sie entspringen der Zeichnung, schleichen sich in den Raum und geben als Anordnung im Raum das Laborieren wider, welches in den Bildern nicht genug Platz zu finden schien. Die formelhafte Zeichnung leitet den Blick, nimmt mit, verstellt dann aber den Weg, weil keine Formel das Bild erklären will oder kann. An dieser Leerstelle eröffnet sich bei Britz der Raum für eine philosophische Sicht auf die ins Bild gesetzten Dinge.

[Dr. Florian Schaper, 2012 erschien der Band: Bildkompetenz – Kunstvermittlung im Spannungsfeld analoger und digitaler Bilder]


Text aus dem Katalog „punktlandung – Susanne Britz“, Blurb, 2015

 Bildkompetenz – Kunstvermittlung im Spannungsfeld analoger und digitaler Bilder, Dr. Florian Schaper