TROCKENLEITUNG MARstall

Trockenleitung_MARstall

cite-specific Installation, 2022
3,80 x 5,50 x 3,70 m

Installation aus
16 Wäscheständer, Haushalts-gegenstände, Spiel- und Werkzeug,
Transportkiste, Lichtelemente & digitale Pigmentdrucke an Baugerüst

Pigmentdrucke
kreuzung_6, 2018
150 x 100 cm | Auflage 3 + 2 AP
kreuzung_2, 2018
150 x 100 cm | Auflage 3 + 2 AP
ableitung_12, 2020
200 x 137 cm | Auflage 3 + 2 AP

Gefördet von
Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration in Rheinland-Pfalz, NEUSTART KULTUR, Leifheit AG




Die In-Situ-Installation befindet sich im Marstall des Landesmuseums Mainz, der einst der Stall der kurfürstlichen Reithalle war. Dort wurden Reiter und Pferd zu militärischen Zwecken ausgebildet. Susanne Britz greift diesen Zusammenhang auf, indem sie statt des goldenen Rosses, welches das Eingangsportal des Museums schmückt, ein leuchtend rotes und erschlafft herabhängendes Spielzeugpferd an der obersten Gerüststange des Baugerüstes präsentiert. So verbindet Britz Elemente der Posse mit grotesken Elementen. Wie auch der Titel MARstall deutlich macht im Sinne der Wortbedeutung von mar als beschädigter Stall.

Prints und installative Elemente sind derart angeordnet, dass sich Schwerpunkte bilden, die den Betrachter dazu einladen, die Gesamtinstallation wie eine Skulptur zu umschreiten. Im vorderen Teil, dem Eingang des Marstalls zugewandt, befindet sich eine Art Lager der Utensilien, mit denen die Künstlerin arbeitet. Man erkennt farbige Sportbänder, Spielfiguren, wie Indianer und Cowboys, sowie Teile eines Basketballkorbs und ein Moskitonetz. Das Arrangement dehnt sich aus in die Tiefe und wird weitergeführt von einem Pigmentdruck, kreuzung_2, aus dem Jahr 2018. Auch hier sind Cowboys und Indianer erkennbar, die in ein seltsames Geschehen entrückt sind. Was wird hier genau gespielt?

Die Frage bleibt offen, doch ist ein Zusammenhang herstellbar zwischen der Frage nach dem Umgang mit kulturellem Gut und der Stiftung gegenwärtiger Identität. Während man heute stolz ist auf das römische Erbe, zeigt sich in der Gegenwart vor allem die Angst vor Überfremdung. Doch ist das Fremde nicht schon lange Teil unserer Kultur und sind statt dessen wir uns, umgeben von einer Masse an kurzlebigenGegenständen, fremd geworden?
Den zum hinteren Teil des Saales gewandten Abschluss der Installation bilden sechzehn sich hoch auftürmende Wäscheständer. Sie bilden durch die Betonung des Diagonalen, was den Eindruck des Stürzens erzeugt, ein Gegengewicht zu der statischen Konstruktion des Baugerüsts. An Expandern herabhängende luftleere Petzibälle, die sich im Innern der Installation befinden und mit Lichtröhren theatralisch beleuchtet sind, suggerieren in ihrer Anordnung Schwere und treten visuell in Beziehung zu den historischen Steinquadern, die auf einem mehrgeschossigen Metallgerüst längs der Außenwand des Marstalls lagern. Auf der zur Marstallwand hin gerichteten Seite der Installation augerüsts befinden sich vor allem zweidimensionale Arbeiten, wie zwei großformatige Drucke sowie kleine mit Nadel und Faden in Collagen überführte Schwarzweißfotografien, die Teile des Landesmuseums zeigen und beim Aufbau entstanden sind und das Prozesshafte der Arbeit von Britz unterstreichen.

Die großformatigen auf Leuchtkastenfolie geplotteten Drucke erhalten durch die Hinterleuchtung einen transparenten Charakter, der auf die Entstehung dieser Arbeiten verweist. Denn Britz transformiert. Sie überführt die Installation durch die Fotografie in die Fläche und macht diese zum Ausgangspunkt einer digitalen Überzeichnung am Computer. Der Gedanke des Weiterführens von Linien durch analoge und digitale, durch flächige wie dreidimensionale Räume, ist ein zentraler Gedanke der Arbeit von Britz. Genauso gestisch wie die gezeichneten Linien auf den Prints muten die Seilschaften und Kabel an, die sich durch das Gerüst schlängeln. Was Britz hier vorführt, ist die Idee eines dreidimensionalen Skizzenbuches, welches multiperspektivische Lesarten anbietet und zum Wagnis einlädt, selber die verlorene Nadel in diesem Heuhaufen der Bedeutungen und Stränge zu suchen.